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Die Vanille-Wertschöpfungskette wird immer direkter: Symrise hat im Jahr 2014 in Madagaskar einen neuen Fermentations- und Lagerkomplex in Betrieb genommen und eine moderne Extraktion eröffnet. Durch diese Investitionen und vor allem auch dank der engen Zusammenarbeit mit rund 7.000 Bauern erreicht das Unternehmen die bestmögliche Qualität des wertvollen Rohstoffs. Davon profitieren alle.

Ein Fünfminutenspaziergang über einen sandigen Pfad führt direkt zum Indischen Ozean. In die andere Richtung sind es nur wenige Meter mehr bis zur Nationalstraße 5a, die an der Ostküste Madagaskars entlangführt. Und dazwischen, inmitten eines Pflanzenmeers in allen Grünschattierungen, liegt die einzige nennenswerte industrielle Produktion in weiter Umgebung: die neue Extraktionsfabrik von Symrise. Sie wurde im Oktober 2014 in einer offiziellen Zeremonie durch den madagassischen Industrieminister, den deutschen Botschafter auf der Insel und den Symrise Vorstandsvorsitzenden Dr. Heinz-Jürgen Bertram eröffnet. Neben dem lokalen Symrise Team nahmen auch die Anwohner des Dorfes Benavony an den Feierlichkeiten teil. Denn ganz in der Nähe dieses kleinen Ortes liegt die Fabrik, in der das Unternehmen nun aus den begehrten Schoten hochqualitative Vanilleextrakte produziert. Die neue Fertigung löst eine kleinere Anlage ab und ist nach dem im selben Jahr eröffneten Fermentations- und Lagerstandort im 60 Kilometer entfernten Antalaha ein weiterer wichtiger Meilenstein in der Rückwärtsintegration der Vanille. Mittlerweile prägt Symrise alle Stufen der Wertschöpfung, vom Anbau der Vanille bis zur Verarbeitung.

„Wir haben vor acht Jahren damit angefangen, die Vanille direkt vor Ort zu kaufen. Heute arbeiten wir mit fast 7.000 Farmern in rund 90 Dörfern zusammen“, sagt Alain Bourdon. Das Ziel: hochwertige, nachhaltige Vanille einkaufen und damit auch vom volatilen Rohstoffmarkt unabhängiger zu werden. Dem 45-jährigen Agrarwissenschaftler ist auch ein weiterer Aspekt wichtig: „Mit der Zusammenarbeit verbessern wir gleichzeitig die Lebensbedingungen der Bauern. Ihre Familien eingerechnet, erreichen wir so über 34.000 Menschen.“ Sie profitieren von dem Symrise Ansatz und der Wertschöpfung vor Ort. Die Unterstützung der Bauern umfasst zinslose Reiskredite in wirtschaftlich schwachen Perioden, die Einführung einer Krankenversicherung sowie Unterstützung bei der landwirtschaftlichen Diversifizierung, um schlechte Ernten abzufedern. Hinzu kommen umfassende Bildungs- und Trainingsangebote, Umweltschutzinitiativen sowie Unterstützung bei der Zertifizierung, zum Beispiel durch Rainforest Alliance.

Aber zurück zu den Symrise Investitionen. Gemeinsam mit Fachleuten aus dem Hauptsitz in Holzminden und mit regionalen Firmen hat das lokale Symrise Team die Extraktion konzipiert und gebaut: „Wir haben europäische Standards angelegt. Nun können wir hier erstklassige Vanilleextrakte produzieren – auf die Bedürfnisse unserer Kunden in aller Welt zugeschnitten“, erzählt Alain Bourdon.

Der Prozess ist vielfach geübt: Die fermentierten Schoten werden zunächst im Wareneingang auf ihre Qualität hin überprüft. Dafür ist Nicolas Rasolomampionona zuständig, der unter anderem den Vanillingehalt misst. „Es ist eine Komposition hunderter verschiedener Substanzen, die das Aroma der Vanilleschoten prägt“, erklärt der Labortechniker. Im nächsten Schritt wird die Vanille zerkleinert und je nach Kundenwunsch und ländertypischen Regularien in einem genau definierten Verhältnis mit Wasser und einem Lösemittel, meist Alkohol, zusammengebracht. In den Extraktoren gehen die Aromastoffe über mehrere Durchgänge in den Alkohol über. Nach der Filterung – und bei stärkeren Konzentrationen der Destillation – ist das Produkt fertig und wird per Schiff nach Deutschland transportiert.

Der Ablauf klingt einfach, doch die Anlage dafür erforderte anderthalb Jahre Bauzeit und eine groß angelegte Planung. Die Materialien kamen zu 90 % per Schiff aus dem Ausland. Die Grundstückssuche musste sehr gewissenhaft erfolgen. Diese Sorgfalt hat sich aber gelohnt. „Wir liegen verkehrsgünstig mitten in der Vanilleregion und haben mit rund 36 Hektar Fläche auch genügend Platz für einen späteren Ausbau“, sagt Alain Bourdon. Neben Vanille sollen in Zukunft auch Rohstoffe wie Vetiver, ein wichtiger und beliebter Duftstoff für die Herstellung von Parfüms, oder Ingwer extrahiert werden.

Für diese Prozesse wird viel Energie benötigt. Ein Kraftwerk oder Überlandleitungen gibt es in der Region nicht, Symrise muss sich autark versorgen. Der heiße Dampf etwa wird in einem eigens angefertigten, holzbefeuerten Boiler erzeugt. Das Besondere daran: Der nachwachsende Brennstoff stammt aus der Region und wird speziell für das Unternehmen angebaut. Symrise hat Baumschulen gegründet, in denen schnellwachsende Arten angepflanzt werden. Die Mitarbeiter verteilen die Setzlinge an Dorfgemeinschaften, einzelne Bauern oder auch Gemeinden. Sie pflanzen die Bäume, ernten die Äste und verkaufen das Holz an Symrise. Neben den Arbeitsplätzen, die durch die Fabrik entstehen, schafft dies eine zusätzliche Einkommensquelle für die Menschen in der Region.

Fast ebenso neu wie die Extraktion ist auch die Fermentation in Antalaha, die in weitläufigen weiß getünchten Gebäuden untergebracht ist. Im Innenhof liegen Holzrahmen, auf deren Gittern unzählige, tiefschwarze Vanilleschoten in der Sonne trocknen. Vor einem Tor sitzt Mananjara fast unbeweglich auf seinem Stuhl. Der ältere Mann mit den kurzgeschorenen weißen Haaren steht plötzlich auf und sagt einige Sätze. 20 Männer und Frauen laufen los und tragen die wertvolle Ware ins Innere. Keine fünf Minuten später beginnt es zu regnen, der Platz vor dem Gebäude steht innerhalb kürzester Zeit unter Wasser.

Der „Wettermann“ hat aufgepasst. Wieder einmal. Mananjara beobachtet das Mikroklima in Antalaha. „Er hat daher eine wichtige Rolle“, sagt Clement Cabrol, der den Fermentations- und Lagerkomplex leitet. „Um ein gutes Produkt zu erhalten, müssen wir jede Phase des Prozesses perfekt kontrollieren.“ Das Team des 35-Jährigen hat große Erfahrung im Vanillegeschäft und die Abläufe in der Fermentation erfordern dieses Know-how.

Das fängt bei der sorgfältigen Auswahl der grünen Vanille an, die die Bauern gepflanzt, bestäubt, gepflegt und geerntet haben. Schließlich werden die nach Reife und Größe sortierten Schoten in großen Kesseln bei fein abgestimmten Temperaturen blanchiert. Die Hitze bricht die Zellstrukturen in den Vanilleschoten auf und löst so eine enzymatische Reaktion aus, in der sich Glucovanillin in Vanillin aufspaltet. Die warme Vanille wird in großen Holzkisten, die mit Baumwolldecken ausgeschlagen sind, zum Schwitzen gebracht; die feuchtwarme Umgebung bewirkt, dass sich die Schoten braun färben. Für den charakteristischen Duft und Geschmack folgen die Trocknung in der Sonne – unter ständiger Kontrolle durch die Symrise Experten – und anschließend die Lagerung im Schatten.

Die Qualitätskontrolle begleitet den monatelangen Prozess, jede Schote wird unzählige Male angefasst, um die Feuchtigkeit und Elastizität und damit die Reife zu überprüfen, erzählt Clement Cabrol. Dutzende Frauen sitzen in zwei Hallen an langen Holztischen, sortieren die Vanille und schnüren sie in 250-Gramm-Bündel. Eine der Damen im dunkelblauen Kittel mit Symrise Logo ist Soazery Sina Olivette. Sie dreht die Schoten behutsam in ihren Händen, legt sie auf kleine Stapel, die sich auf den ersten Blick kaum unterscheiden. „Jede Schote, die noch nicht unseren Vorgaben entspricht, schicke ich wieder zurück zu meinen Kollegen.“ In der später folgenden Extraktion soll eine möglichst konstante Qualität verarbeitet werden. „Wir haben es in den vergangenen Jahren geschafft, den Prozess immer weiter zu verfeinern“, sagt Clement Cabrol, der einige der Bündel vor dem Einschweißen begutachtet. „Auf diese Weise können wir das bestmögliche Produkt für unsere Kunden erzeugen.“


Behutsam greift Alexandra Carlin nach dem Vetiver-Bündel, das der Bauer ihr entgegenreicht. Sie streicht über das leicht angetrocknete Süßgras, hält es sich unter die Nase, riecht zunächst vorsichtig daran, nimmt dann einen tiefen Atemzug. „Das ist sehr intensiv“, sagt die 34-Jährige, die für Symrise in Paris an feinsten Düften arbeitet. „Ich verwende es sehr gerne in vergleichsweise großen Mengen für Damen-Parfüms, um ihnen Eleganz und Persönlichkeit zu verleihen.“

Alexandra Carlin ist eine von vier Symrise Parfümeuren aus zwei Niederlassungen, die sich im Herbst 2014 zwei Wochen lang in Madagaskar inspirieren ließen. Sie waren Teilnehmer einer Scent Expedition, die das Unternehmen für seine kreativen Kräfte organisiert hatte. Andere Gruppen reisten zuvor nach Indien, China, Tasmanien und in den Oman. Der Zweck dieser Reisen: Die Duft-Experten sollen verschiedene Regionen der Erde kennenlernen, mit allen Sinnen. Das Konzept ist ganzheitlich. Es stehen nicht nur Besuche auf Farmen, sondern auch in Fabriken wie der Symrise Extraktion in Madagaskar auf dem Programm. Ebenso lernen die Kollegen gemeinsam auf Märkten, in Restaurants oder in Gesprächen mit einheimischen Bauern und Produzenten die Fülle an Früchten, Gemüse, Blumen und anderen Pflanzen kennen.

„Wir waren überwältigt vom Artenreichtum der Insel“, sagt Pierre Kurzenne. „Ebenso beeindruckt aber war ich von der harten Arbeit, die die Farmer in den Anbau und die Ernte stecken“, ergänzt der Senior Parfümeur, der ebenfalls in Paris arbeitet. Zu beobachten, wie die Bauern mit vereinten Kräften die tiefwurzelnden Vetiver-Pflanzen ausgraben, machte dem 52 Jahre alten Franzosen deutlich, welcher Aufwand hinter der Gewinnung dieses Rohstoffs steckt.

Das Süßgras war aber nicht das einzige Produkt der Insel, das die Gruppe begeisterte. Die Männer und Frauen ließen sich den Anbau von Vanille – dem wesentlichen Agrarprodukt in Madagaskar – und ihre Weiterverarbeitung in den Symrise eigenen Betrieben zeigen. Sie tauschten sich dort mit den Mitarbeitern aus, schauten sich Kakao-, Nelken-, Ravintsara-, Zimt- oder Ylang-Ylang-Pflanzungen an. Ein besonderer Höhepunkt war der fünftägige Trip in den Marojejy-Nationalpark, bei dem die Parfümeure bis auf 2.100 m stiegen. Für die spätere Arbeit analysierten die Riechspezialisten mit Mini-Labors die Rohstoffe direkt vor Ort und sammelten Proben, die in den heimischen Standorten getestet werden. „Das war sehr anstrengend“, erzählt Pierre Kurzenne. „Aber die Erfahrungen haben das alles aufgewogen. Der Aufstieg, gerade bis auf den Gipfel, ist ein bisschen mit der Arbeit als Parfümeur zu vergleichen: Man darf nicht zu schnell zufrieden sein oder gar aufgeben, wenn man das beste Ergebnis erzielen möchte.“


Gemeinsam mehr erreichen

Gemeinsam mehr erreichen

Strategische Allianz von Unilever, GIZ und Symrise

Symrise ist mit seinem Kunden Unilever und der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) in Madagaskar eine Entwicklungspartnerschaft eingegangen, die ein ambitioniertes Ziel verfolgt: über Bildungsprojekte, die auf mehreren Ebenen ansetzen, die Lebensbedingungen der Menschen zu verbessern und gleichzeitig die Vanilleversorgung für die Zukunft zu sichern. Das im Januar 2014 gestartete Großprojekt ist auf die SAVA-Region fokussiert, in der die Mehrheit der madagassischen Vanillebauern lebt und arbeitet. Konkret will die Initiative dort das Bildungsniveau von 4.000 Farmern und ihren Familien nachhaltig verbessern. Insgesamt werden damit rund 24.000 Menschen in 36 Gemeinden erreicht.

Das Programm richtet sich direkt an die Vanillebauern. In sogenannten „Farmer Field Schools“ und auf 36 Demonstrationsfeldern zeigt die Initiative, wie die Farmer ihren Ertrag verbessern, zusätzliche Einkommensquellen erschließen und gleichzeitig die Umwelt schützen können. Denn ein besorgniserregend großer Teil der Flächen ist gefährdet: Brandrodung und Reisanbau haben vor allem an Hanglagen zu Erosion und Auslaugung des Bodens geführt. Die Bauern lernen, wie die Böden durch den aufeinander abgestimmten Anbau von zum Beispiel Akazien, Nelken, Kakao, Erdnüssen, Ananas, Bananen und Maniok wieder mit Nährstoffen angereichert werden. Von diesen Produkten profitieren die Bauern zudem, weil sie sie verkaufen oder verzehren können.

Neben der aktuellen Generation der Farmer sind Jugendliche eine weitere wichtige Zielgruppe des Programms. Weit mehr als zwei Drittel der jungen Leute steigen nach der Grundschule in die Landwirtschaft der Familie ein – eine tiefere Wissensvermittlung findet bisher nicht statt. Um das zu ändern, fördern Symrise, Unilever und GIZ drei sogenannte „Maisons Familiales Rurales“. Diese Form der Landwirtschaftsschule gibt es bereits in 30 Ländern rund um die Welt. Sie arbeitet nach einem einfachen Prinzip: Junge Menschen zwischen 17 und 25 Jahren eignen sich im Unterricht theoretisches Wissen an, das sie auf den Feldern in den Praxisphasen direkt einsetzen können.


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